Torunarigha beleidigt? Weg mit den “Affen”

Torunarigha beleidigt? Weg mit den “Affen”

Februar 5, 2020 1 Von Carsten Schulte

Es ist nicht ganz leicht, die VorfĂ€lle aus dem Pokalspiel auf Schalke aus der Ferne zu bewerten. Der Berliner Spieler Jordan Torunarigha sei beleidigt worden, u.a. mit Affenlauten begleitet worden. Die VorfĂ€lle seien von Berliner Seite schon vor Beginn der VerlĂ€ngerung angesprochen worden. Schalke selbst formulierte nach der Partie “null Toleranz”.

Hertha BSC veröffentlichte am Mittwoch noch einmal, was schon am Dienstagabend bekannt wurde. “Wir verurteilen jegliche Form von Rassismus auf das SchĂ€rfste!”, ließ GeschĂ€ftsfĂŒhrer Michael Preetz mitteilen. “Rassistische Beleidigungen sind in jedem Stadion ebenso wie in jeder anderen Situation des Lebens zu verurteilen. Jordan Torunarigha wurde als Spieler unserer Mannschaft, Teil von Hertha BSC und Mitglied unserer Gesellschaft rassistisch beleidigt. Uns alle hat dieser Vorfall sehr getroffen und wir stehen geschlossen hinter unserem Spieler.”

Sowohl der Klub wie auch der Spieler wĂŒrden dazu noch schriftlich Stellung nehmen, heißt es. Das ganze Thema sei von Preetz aber schon nach Spielende auch mit dem Schiedsrichterteam erörtert worden.

Torunarigha selbst musste nach einer Unbeherrschtheit mit Gelb-Rot vom Platz (Schalke-Trainer David Wagner sah dafĂŒr unverstĂ€ndlicherweise Rot). Herthas Argumentation sei, dass Torunarigha aufgebracht gewesen sei wegen der VorfĂ€lle – und dass man genau deswegen zuvor beim Schiedsrichter um etwas VerstĂ€ndnis gebeten hatte. Mehr noch: Hertha bat den Schiri darum, “unseren Spieler zu schĂŒtzen”.

Soweit die Lage.

In der TV-Übertragung bei Sky war das kein Thema, erst nach Spielende wurden die VorfĂ€lle öffentlich. Nach vorliegenden Informationen soll es im Bereich von Block N5 zu diesen Affenlauten oder Beleidigungen gekommen sein. Augenzeugen berichten von Handgreiflichkeiten oder Gerangel – möglicherweise wurde dort auf “kurzem Dienstweg” Klarheit geschaffen. Sicher ist das alles nicht. Zumal der LautstĂ€rke-Pegel in der Arena einzelne Ausraster in aller Regel ĂŒbertönt und Schalkes Publikum ohnehin wegen Herthas Spielweise verĂ€rgert war.

Dessenungeachtet gilt: Eigentlich war diese Art von Niveaulosigkeit in deutschen Stadien fast schon ausgerottet. Affenlaute und Bananen flogen noch in den Neunzigerjahren und Anfang des Jahrtausends durch die Gegend, aber eigentlich waren solche Aussetzer fast verschwunden. Im Fußball insgesamt ist Rassismus nach wie vor ein erhebliches Thema – Kevin-Prince Boateng hat oft darĂŒber gesprochen, auch bei vielen LĂ€nderspielen gehören rassistische Übergriffe zur Tagesordnung.

Gerade auf Schalke ist aber seit langer Zeit eine andere Kultur eingekehrt, nicht erst seit Gerald Asamoah als eines der Gesichter von Schalke gilt. Es ist ja auch nicht so, als hÀtte Jordan Torunarigha dem FC Schalke oder seinen Fans irgendeinen Anlass gegeben, es besonders auf ihn abgesehen zu haben.

Wenn man vermuten soll, was das zu bedeuten hat, dann wohl dies: Da haben sich ein paar Leute im Stadion selbst zu “Affen” gemacht – und die gehören da nicht hin, Punkt. Wer neben Leuten sitzt oder steht, die derart ausfĂ€llig werden, muss das melden, einschreiten, fĂŒr Ruhe sorgen, was auch immer. Im Zweifelsfall Ordner rufen. Anders geht es ja nicht, wenn 60.000 Zuschauer im Stadion stehen. Das schreibt sich natĂŒrlich leichter als es getan ist. Ordner sind in den wenigsten FĂ€llen geschult fĂŒr solche Themen und werden aus Sorge, etwas Falsches zu tun, entweder gar nicht oder eben falsch reagieren. Das bedeutet: Schalke und sein Dienstleister mĂŒssen die Ordner entsprechend schulen.

Dass in der öffentlichen Diskussion darĂŒber jetzt auch wieder ĂŒber Clemens Tönnies gesprochen wird, liegt auf der Hand. Tönnies’ allzu leicht dahingesprochener Rassismus (der leider vom Ehrenrat des FC Schalke wachsweich abgefedert wurde), darf als schlechtes Vorbild dienen. Es war kein Ruhmesblatt, wie Schalke sich in der Sache verhalten hat und wohl auch noch in absehbarer Zeit werden alle Engagements des Klubs gegen Rassismus immer diesen leichten Beigeschmack haben. Ja, das ist die Folge von Tönnies Entgleisung und ein Beleg dafĂŒr, wie vereinsschĂ€digend das wirklich war. Und das hat nun nichts mehr mit der Frage zu tun, ob der Aufsichtsrat ein Rassist oder eben nur rassistisch gesprochen hat. Es geht um das Handeln und seine Folgen.

Es gibt aber noch immer (oder wieder?) Menschen in Deutschland, die ihre rassistischen Neigungen offen ausleben – beim Fußball gerne unterstĂŒtzt durch Zufuhr von Alkohol.

Und wie immer im Leben gilt: Die noch nimmer große Mehrheit der Menschen hat kein VerstĂ€ndnis fĂŒr solche VorfĂ€lle, aber muss sich dann auch aufraffen, diese Grenzen zu ziehen. Das ist eben auch eine Verantwortung, die fĂŒr alle gilt.

Schalke-Trainer David Wagner hatte das nach Spielende auch unmissverstĂ€ndlich verurteilt. Auch im Namen des FC Schalke. Der schrieb am Mittwoch ebenfalls Klartext: “Null Toleranz fĂŒr VorfĂ€lle wĂ€hrend des Hertha-Spiels.”

In einer kurzen Mitteilung machte der Klub klar, gemeinsam mit Polizei, Sicherheitsdienst und internen Quellen zu prĂŒfen, was passiert war und wer beteiligt war. “Wir werden alles dafĂŒr tun, dass wir diejenigen, die dafĂŒr verantwortlich sind, ausfindig machen und mit Konsequenzen belegen. Ein solches Verhalten verstĂ¶ĂŸt nicht nur gegen Stadionordnung, Leitbild und Satzung des FC Schalke 04, sondern widerspricht auch all unseren Werten.”

Der ganze Vorfall passt zeitlich irgendwie “un-perfekt” in die Aktionswoche #stehtauf. Am Donnerstag wollen Schalke und die Stadt Gelsenkirchen zu Ehren des 1942 ermordeten Gelsenkircheners Ernst Alexander einen Weg auf dem VereinsgelĂ€nde einweihen. Der Anlass, die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und die ermordeten Juden, zeigt, wie aktuell das Thema heute wieder ist.

“Steht auf” darf als Forderung an alle Fans verstanden werden. Menschen, die ihrem Rassismus freien Lauf lassen, dĂŒrfen nicht einfach toleriert werden. Sie mĂŒssen das klare Zeichen erhalten, dass so ein Verhalten nicht erwĂŒnscht ist. Nicht durch Gewalt, sondern durch Ausgrenzung. Sie haben im Stadion nichts verloren. Weg mit den Affen.