Einmal Hölle und zurück: Schalke malocht sich über Hertha ins Pokal-Viertelfinale

Einmal Hölle und zurück: Schalke malocht sich über Hertha ins Pokal-Viertelfinale

Februar 5, 2020 1 Von Susanne Hein-Reipen

Schalke 04 wirft Hertha BSC mit 3:2 aus dem DFB-Pokal. Nach Spielschluss wird die Schalker Mannschaft von der Nordkurve minutenlang mit „Schalke ist der geilste Club der Welt“ abgefeiert – doch vor der Party stehen 120 nervenzerfetzende Minuten. Susanne Hein-Reipen berichtet über einen Pokalkrimi mit königsblauem Happy-End…

Nur 04 Tage nach der Nullnummer von Berlin trifft Schalke erneut auf die „alte Dame“. Obwohl absehbar ist, dass sich bei einem späten Termin unter der Woche nur eine überschaubare Anzahl Herthaner auf den weiten Weg nach Gelsenkirchen machen wird, ist Parkplatz E komplett den Gästen vorbehalten; zahlreiche Absperrungen scheinen auf eine mittlere Invasion hinzudeuten. Mit rund 1.700 Hauptstädtern bleibt der Andrang jedoch überschaubar; die Arena ist mit 53.525 Zuschauern nicht ausverkauft und bietet eine breite „Pufferzone“ um den Gästeblock.

Unerwartete Aufstellung

Die Aufstellung von Chefcoach David Wagner verblüfft selbst eingefleischte Schalker: Er verzichtet in der Startelf nicht nur auf den angeschlagenen Serdar, sondern zunächst mit Kabak, Raman und McKennie auch auf drei weitere feste Größen der Mannschaft. Stattdessen dürfen Todibo, Kutucu und Boujellab erstmalig von Anfang an ran. Nübel, Caligiuri, Nastasic, Todibo, Oczipka, Mascarell, Schöpf, Harit, Boujellab, Gregoritsch und Kutucu sollen den Einzug ins Viertelfinale klarmachen.

Nübel wird schlichtweg ignoriert

Die Frage, wie die Nordkurve auf Ex-Kapitän und Bayern-Abwanderer Alexander Nübel reagiert, klärt sich schnell: Als er zum Warmmachen auf das Feld kommt, passiert – nichts. Absolut nichts, keine Pfiffe, kein Applaus, kein Ausrufen des Namens, er wird glattweg ignoriert. Michael Langer, bislang als Nummer 3 eher in einer Statistenrolle auf Schalke unterwegs, hingegen bekommt hörbaren Beifall…

Applaus bekommt auch die Mannschaft, beim Warmmachen richten sich viele Augen auf Kutucu und Todibo, dessen Statur und kraftvolle Bewegungen stark an das Ex-Kampfschwein Jermaine Jones erinnern. Im Interview auf dem Videowürfel beschwört derweil Wagner mehrfach, es werde ein ganz „anderes Spiel“ als noch am Freitag.

Glückauf-Choreo

Das Steigerlied wird anders als sonst bei Abendspielen im Hellen und ohne Fahnen in der Nordkurve geschmettert. Das und die Flatterband-Markierungen lassen erahnen, dass eine Choreographie geplant ist. Nach „Blau und Weiß, wie lieb ich Dich“ und einigen akustischen Grüßen nach Enschede ist es soweit: Zum Einlaufen der Mannschaften rollt sich ein riesiger Bergmann über Ober- und Unterrang, daneben erscheint ein gigantischer Glückauf-Schriftzug. Als Clou erhellen einige Magnesium-Lichter die Helmlampe des Kumpels; einige tausend Wunderkerzen runden das Bild ab. Geil!

Auch die Herthaner, die noch nie den Einzug in das Endspiel in „ihrem“ Olympiastadion geschafft haben, ziehen eine Blockfahne mit einem großen DFB-Pokal und dem Slogan „Der Traum lebt weiter“ auf, dann ertönt der Anpfiff.

Erste Halbzeit geht klar an Berlin

Die Nordkurve ist gut drauf und stimmt über „Geh‘n mit dir auf jede Reise“ gleich einmal eine Schleife „Super FC Schalke“ an. Kurze akustische Zuckungen „Heeeeertha BSC“ aus dem Gästeblock werden mit den Ruhrpottkanaken im Keim erstickt.

Auf dem Rasen sieht es jedoch anders aus: Nach der Abtastphase sind die Gäste gefährlicher und haben durch Wolf aus spitzem Winkel die erste Einschussmöglichkeit (10). Zwei Minuten später klingelt es hinter Nübel, weil Köpke nach Vorarbeit von Piatek und Wolf im Fünfmeterraum zu viel Platz hat. 0:1 in der 12. Minute, sch…ade.

Sofort ertönt „Auf geht‘s Schalke schieß ein Tor“ und es sieht fast danach aus, als würde die Mannschaft diesen Wunsch umgehend in die Tat umsetzen, doch Torunarigha und Jarstein klären zweimal gegen Harit. Danach ist trotz lautstarkem „Vorwärts Schalke olé“ wieder Hertha am Drücker. Bei einer Rangelei im Strafraum liest Schiedsrichter Osmers Kutucu die Leviten, der Kurve gefällt das nicht und sie schickt ein liebevolles „Hertha-Schw….“ Richtung Gästeblock, bevor „Eine Stadt erstrahlt in Blau“ ertönt.

Schalker Frust zur Pause

An der Grundlinie geraten Todibo und Torunarigha aneinander, der Herthaner mimt darauf den sterbenden Schwan, doch mehr als eine folgenlose Ecke springt nicht heraus. Torunarigha und Boyata sammeln demonstrativ einige Feuerzeuge auf, die wegen der vermuteten Verzögerungstaktik in den Strafraum geflogen sind und kassieren ein gellendes Pfeifkonzert. Stadionsprecher Dirk bittet eindringlich, keine Gegenstände aufs Spielfeld zu werfen; stattdessen entlädt sich der Frust in einem herzhaften „Ihr seid nur ein H*rensohnverein…!“

Schalke ist immer noch unter Druck. Kapitän Mascarell versucht unermüdlich, das Mittelfeld zu stabilisieren und positioniert und dirigiert nicht nur die Youngster wie Boujellab lautstark auf ihre Plätze. Die Nordkurve intoniert „Wir lieben alle nur den FC Schalke“ und den Wechselgesang mit der Südkurve. Zwischendrin brandet einmal kurz Jubel auf, als das 2:0 von Werder gegen die ungeliebten schwarzgelben Nachbarn bekannt wird, aber erst einmal muss Schalke die eigenen Hausaufgaben erledigen!

In der 39. Minute bekommt Stark den Ball im Strafraum an die Hand, Osmers winkt sofort ab und kassiert dafür einige wütende „Wir singen schwarzgelbe Schei**e“-Rufe. Und es kommt noch schlimmer: Im direkten Gegenzug vernascht Köpke Todibo und legt quer auf Piatek, der Nastasic verlädt und dicht an Nübel vorbei ins rechte untere Toreck einschießt. nicht verhindern kann, Nübel ist noch dran, aber die Kugel trudelt ins rechte untere Eck. 0:2, das sieht nicht gut aus.

Die Stimmung ist jetzt sehr bescheiden; während die Spieler noch mit Osmers diskutieren, zoffen sich die Fans, ob der Gegentreffer auf Nastasics oder Nübels Kappe geht. „Steht auf, wenn Ihr Schalker seid“ und „Auf geht’s Schalke kämpfen und siegen!“ finden jedenfalls im ersten Durchgang trotz zweiminütiger Nachspielzeit nicht mehr statt, mit deutlichen Pfiffen für die uninspirierte Leistung geht es in die Kabinen.

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