St. Pauli – Schalke 2:1: Herbstmeister Burgstaller zu stark für tapfere Schalker

Dezember 5, 2021 2 Von Susanne Hein-Reipen

Ohne die etatmäßigen Stürmer Terodde und Bülter verliert der FC Schalke 04 das Spitzenspiel beim FC St.Pauli knapp mit 1:2 (0:2). Beide Tore des frischgebackenen Herbstmeisters erzielt Ex-Schalker Guido Burgstaller, den Anschlusstreffer besorgt mit Rodrigo Zalazar ein Spieler, der vor einem halben Jahr noch das Trikot des FC St. Pauli trug – 19.950 Zuschauer genießen am Millerntor das vorerst letzte Spiel ohne Zuschauerbeschränkung…

In der zurückliegenden Woche gibt es reichlich Hin-und-Her, ob das Topspiel als Geisterspiel, ohne Auswärtsfans mit eingeschränkter Kapazität oder doch wie geplant stattfinden darf. Erst am späten Donnerstagabend steht fest: Die verkauften Tickets behalten ihre Gültigkeit; die neuen Einschränkungen gelten in Hamburg erst ab der kommenden Woche. Die Schalker, die sich dann auf dem Weg nach Norden machen, können sich selber davon überzeugen, dass 2G in der Hansestadt wirklich konsequent umgesetzt wird; egal, ob auf dem Winterdom, schummrigen Schuppen der Reeperbahn oder im Stadion: Ohne Auslesen des Impfstatus‘ und Personalausweis läuft hier gar nix.

Königsblaue Verletzungssorgen

Zusätzlich zur allgemeinen Coronadiskussion kommen bei Schalke noch diverse Ausfälle: Chefcoach Dimitrios Grammozis und Sportvorstand Peter Knäbel verabschieden sich mit positiven PCR-Tests in häusliche Quarantäne, dazu muss zum Entsetzen der Fans nach Torjäger Simon Terodde auch sein Sturmpartner Marius Bülter, in der Vorwoche noch zweifacher Torschütze gegen Sandhausen, passen. Auch Ralf Fährmann, Darko Churlinov und Florian Flick stehen aufgrund verschiedener Blessuren nicht im Kader, dazu fehlen die langzeitverletzten Salif Sané und Michael Langer.

Willkommen auf dem Kiez

Objektiv gesehen also schlechte Aussichten, beim souveränen Tabellenführer einen Blumenpott zu gewinnen, aber das hat die Schalker Auswärtsmeute noch nie abgeschreckt und so geht es bei Öffnung der Stadiontore stilecht zum Barbaratag mit dem Steigerlied auf den Lippen ins Millerntor. Die Einlasskontrollen entpuppen sich als sehr dezent und freundlich, dahinter warten Fischbrötchen, Astra und jede Menge Sticker.

Die Musikauswahl ist sehr punklastig, Motto „Ein bisschen Kohle, ein bisschen kriminell“, dazwischen gibt es Klassiker wie „Legalize it“.  Logen werden „Kiezhelden Ermöglicher“ genannt; das Pendant zu Knappenkids und Familienblock ist der Rabaukenblock: Betreten auf eigene Gefahr! Über die Anzeigetafel flimmern regelmäßige Mahnungen, jederzeit den Mundnasenschutz zu tragen und nur am Platz zu essen bzw. trinken.

Die Begrüßung durch die beiden Stadionsprecherinnen fällt ausgesprochen freundlich aus, statt Gebrüll oder Seitenhieben gibt es gleich einmal „Blau und Weiß, wie lieb ich Dich“ in voller Länge. Die folgende Aufstellung zeigt, dass die Ausfälle Grammozis-Vertreter Sven Piepenbrock nicht zu einer Systemumstellung veranlasst haben: Fraisl, Thiaw, Itakura, Kaminski, Aydin, Palsson, Ouwejan, Zalazar und Drexler gehören zu den „üblichen Verdächtigen“, vorne sollen es Pieringer und Dadashov von den Schalker Amateuren richten. Der Aserbaidschaner ist wie einige seiner Kollegen auf der Bank so neu bei den Profis, dass nicht einmal ein Bild für die Anzeigentafel existiert.

Würdige Kulisse

Neu und noch ein bisschen schüchtern ist auch Keeper Felix Wienand, der bei der Begrüßung staunend in die gut gefüllten Gästeblöcke blickt. Wenig später laufen beide Mannschaften ein, wobei St. Pauli direkt eine „Begrüßungsrunde“ absolviert.

Bei Verlesung der Aufstellung der Paulianer gibt es für Guido Burgstaller farbübergreifenden Applaus, als Kämpfer ohne Starallüren hat man im Ruhrpott gleichermaßen gute Karten wie auf dem Kiez. Die heimische Plörre wird charmant mit „Was nutzt die längste Bierleitung der Welt, wenn kein Astra rauskommt…?“ angepriesen, wohl noch nie frisches Veltins getrunken…?

Musikalisch geht es mit „Das Herz von St. Pauli“ weiter, dann gibt es eine ausführliche Hommage an den kürzlich verstorbenen ehemaligen Pauli-Vizepräsidenten Christian Hinzpeter. Der Schweigeminute schließen sich auch die Schalker an, dann wird lautstark „Eine Stadt erstrahlt in Blau“ angestimmt.

Dann ist es so weit: zu mehr als dröhnenden Hells Bells und viel Blingbling kommen die Mannschaften auf den Rasen, zwei würdige Kontrahenten und eine tolle Kulisse für das vorerst letzte Spiel mit voller Hütte!

Burgi, wer sonst?

St. Pauli hat sich offenbar richtig was vorgenommen für das Spiel, sowohl Fans als auch Mannschaft legen sofort volle Pulle los, was Kyereh schon nach zwei Minuten eine gelbe Karte wegen eines Fouls an Thomas Ouwejan einträgt. Nach sechs Minuten bugsiert Burgstaller den Ball zum ersten Mal ind Schalker Tor, aber die Fahne ist oben.

Doch auch die Schalker in den weißen Auswärtstrikots mischen munter mit, unterstützt durch „Der FC Schalke wird deutscher Meister und wir holen den Pokal“ und „Vorwärts FC Schalke“. Auf der LED-Bande läuft derweil „Hey Ihr Königsblauen: Auf Schalke. Auf St. Pauli. Auf’ne Welt ohne Nazis! Zusammen sind wir mehr.“  

Die ersten Ecken auf beiden Seiten bringen keine ernsthafte Gefahr, aber in der 20. Minute schlägt es hinter Fraisl ein: Matanovic bedient Burgstaller, der setzt sich gegen Ouwejan durch und nagelt den Ball zur 1:0-Führung für St. Pauli in die linke untere Ecke. Die ohnehin hervorragende Stimmung der Pauli-Fans eskaliert, der Gästeblock schwankt zwischen „wieso trifft jeder Ex gegen uns?“ und „irgendwie gönne ich es Burgi“. Der Torschütze selber verzichtet auf demonstrativen Jubel.

Zalazar vergibt, Burgstaller trifft

Die Schalker stecken auch nicht auf; fast im Gegenzug hat Zalazar nach schöner Vorarbeit von Dadashov eine Riesenchance zum Ausgleich, doch sein Chip fliegt knapp über die Latte (22.). Schade! Einen satten Schuss von Ouwejn schnappt sich Vasilj. Die „Asozialen Schalker“ gibt’s trotzdem.

Malick Thiaw sieht Gelb wegen zu herzhaften Einsteigens gegen Kyereh; der Deutsch-Ghanaer „rächt“ sich nur wenig später mit einem satten Volley knapp über die Latte des Schalker Tors (29.). Das Spiel geht nun munter zwischen beiden Strafräumen hin und her, doch weder Kyereh noch Dadashov noch Paqarada noch Pieringer treffen ins Schwarze – dazu braucht es wieder Burgstaller: Seinen ersten Schuss kann Fraisl zur Ecke blocken, diese landet dann jedoch über Paqarada und Hartel im Strafraum auf Burgis Scheitel und es steht 2:0 für die Hausherren (39.).

Geht da noch watt?

Das 2:0 ist auch der Pausenstand, der Gästeblock schwankt zwischen „ohne Terodde wird datt nix“, „is‘ halt keine Laufkundschaft“ und Zweckoptimismus. Derweil werden einige Ehrenamtler für ihr wichtiges Engagement geehrt, darunter auch Stadionsprecherin Dani für 15 Jahre am Mikro.

Die zweite Halbzeit wird dröhnend laut mit „Come on antifa hooligan“ eingeläutet, dann gibt es die offizielle Zuschauerzahl: 19.950 Zuschauer sind dabei, davon geschätzt knapp 3.000 Schalker, die auch gleich zum Wechselgesang Schalke! – Nullvier! ansetzen. Auch die Heimfans sind beim besten Willen nicht zu überhören, so macht Fußball Spaß!

Auch auf dem Rasen geht es sofort wieder zur Sache, Vasilj rettet gegen Aydin, Fraisl verschätzt sich gegen Kyereh und muss Itakura auf der Linie retten lassen. Erneut Aydin und Ouwejan scheitern an Vasilj, dann kommt zweimal mehr Burgstaller: Einmal dreht Fraisl die Kugel noch um den Pfosten (56.), der zweite zischt knapp am langen Eck vorbei (59.). Reicht langsam, Burgi!

Schalke jubelt nur einmal

Schalke hat nun einen kleinen Durchhänger, die Fans versuchen, dem Spiel ihrer Mannschaft mit dem „Mythos vom Schalker Markt“ wieder etwas Leben einzuhauchen. Piepenbrock zielt mit den ersten beiden Wechseln in dieselbe Richtung; Kapitän Danny Latza und Reinhold Ranftl ersetzen Palsson und Aydin; bei St. Pauli kommt Dittgen für Matanovic.

Und Zalazar kommt – und köpft mit viel Schwung eine schöne Flanke von Ouwejan zum 1:2-Anschlusstreffer ins Netz (75.). Wie zuvor bereits Burgstaller, hält er sich aus Respekt vor seinem Exverein beim Jubeln sehr zurück, dafür eskaliert der Gästeblock umso begeisterter. Geht vielleicht doch noch etwas…?

Piepenbrock schickt nun mit dem erst 17jährigen Keke Topp für Dadashov einen frischen Offensiven auf den Rasen, die Fans brüllen die asozialen Schalker und „Für Deine Farben leben und sterben wir“ raus – und dann fliegt erneut das Bier tief, denn Ouwejan erzielt das vermeintliche 2:2 (84.). Die Freude ist jedoch leider nur von sehr kurzer Dauer, denn die Fahne ist oben, weil Pieringer im Abseits stand.

Die letzten Minuten vergehen mit einigen zu harmlosen Aktionen der Schalker und taktischen Wechseln der Hausherren, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Neben Smith und Kyereh ist auch für den „Man of the Match“ Schluss und Guido Burgstaller verlässt unter lautem Beifall das Feld. Die vierminütige Nachspielzeit bringt noch eine gute Chance für Joker Makienok und eine gelbe Karte für Zalazar, dann ist Schluss.

Schade, aber kein Beinbruch

Itakura sinkt enttäuscht zu Boden und wird von Thiaw getröstet; der Gästeblock schwankt zwischen Frust und Anerkennung und spendet der Mannschaft Applaus.

St. Pauli bewahrt durch den Sieg die blütenweiße Heimweste mit acht Siegen aus acht Heimspielen und steht mit insgesamt 35 Punkten vorzeitig als Herbstmeister der zweiten Liga fest – Glückwunsch dazu! Das Heimpublikum bejubelt die Mannschaft auf der Ehrenrunde unter anderem mit „Die Nummer 1 der Stadt sind wir“; Keeper Vasilj macht einen Anhänger mit seinem Trikot glücklich.

Schalke ist nun mit 26 Punkten Siebter, nur drei Punkte hinter dem Tabellenzweiten aus Darmstadt. Das zeigt, dass die zweite Liga sehr ausgeglichen ist – und dass entgegen diverser Unkenrufe in sozialen Medien noch nichts (!) verloren ist. Bereits im nächsten Heimspiel gegen die Freude aus Nürnberg können drei sehr wichtige Punkte eingefahren werden…