HSV – Schalke 1:1: Schalke beweist Moral und bleibt oben dran

Dezember 19, 2021 2 Von Susanne Hein-Reipen

Zum Ende eines bekloppten Fußballjahres müssen Schalkefans noch einmal ausgiebig zittern: Ganze 85 Minuten rennen die Königsblauen einem frühen Rückstand hinterher, dann macht Ko Itakura den ebenso späten wie verdienten Ausgleich zum 1:1. Susanne Hein-Reipen geht zufrieden in die Winterpause…

HSV gegen Schalke, dieses Duell stand jahrzehntelang für volles Haus in der ersten Bundesliga – und voll wäre es vermutlich auch in der zweiten Liga geworden, aber die neuerlichen Einschränkungen durch die Coronaschutzverordnung erlauben nur 15.000 Besucher mit 2G. Das letzte Spiel in Hamburg vor Inkrafttreten der Regelung war Schalkes Auftritt beim Stadtrivalen vom Kiez…

Dimitrios Grammozis hat seine Corona-Infektion überwunden und sitzt wieder auf der Schalker Bank. Er vertraut der Startelf, die unter der Anleitung seines Cotrainers Sven Piepenbrock in der Vorwoche den 1. FC Nürnberg verdient mit 4:1 zurück ins schöne Franken schickte: Fraisl, Thiaw, Itakura, Kaminski, Palsson, Ranftl, Zalazar, Idrizi, Ouwejan, Pieringer und Churlinov sollen das Duell um das Überwintern auf Platz 3 für Königsblau entscheiden. Die Kapitänsbinde trägt wieder Vizekapitän Palsson, Schiedsrichter ist Deniz Aytekin. Beim Einlaufen der Teams begrüßen sich Grammozis und sein Gegenpart Walter noch sehr herzlich.

Das fängt ja „gut“ an

Und noch bevor sich die knapp tausend Schalker vor Ort eingesungen und die Schalker vor dem TV die Knabbereien zurechtgerückt haben, steht es 1:0 für den Dino. Nach einem Blitz-Eckball von Kittel darf Glatzel mitten im Strafraum seelenruhig per Kopfball in die lange Ecke einnetzen (2.). Unsanftes Erwachen für Fraisl und die Schalker Abwehr!

Die ganz in Königsblau spielenden Schalker verdauen den Schreck jedoch recht zügig und rücken per Ouwejan-Freistoß (9.), Kaminski-Distanzschuss (12.) und erneut Ouwejan (14.) gegen das von Johansson gehütete Tor der Hausherren vor. Nachdem der schwedische Keeper einen abgefälschten Schuss von Pieringer nur zur Ecke klären kann, setzt Thiaw zur Bogenlampe an, die im letzten Moment über die Latte gelenkt wird (18.). Die folgende Eckball-Hereingabe setzt Zalazar neben den linken Pfosten. Ein Vorstoß von Churlinov prallt an der HSV-Abwehr ab (20.).

Lautstarker Streit an der Seitenlinie

Bei einem der in dieser Phase seltenen Entlastungsangriffe des HSV wollen die Gastgeber ein Handspiel erkannt haben, weil Thiaw im Zweikampf mit Reis der Ball an den Arm springt. Aytekiin und VAR Winkmann sehen das anders (22.). Kurz darauf wehrt Fraisl einen Schuss von Glatzel souverän ab (24.). An der Seitenlinie beharken sich derweil Grammozis und Walter so lautstark, dass Aytekin ihnen die Leviten liest (28.).

Die Viertelstunde vor der Pause ist ausgeglichen; aber weder Zalazar (30., 37.) und Churlinov (41.) noch Reis (35.) und Alidou (41.) treffen. Pieringer sieht wegen eines Fouls an Vuskovic seine fünfte gelbe Karte und muss im ersten Spiel nach der Winterpause gegen Kiel zuschauen.

In der Halbzeit schwankt die Stimmung zwischen „wie kann man den Auftakt bloß so verpennen?!“ und „da geht noch was“. Beide Teams kommen personell unverändert wieder aufs Feld. Einen ersten Vorstoß des HSV über Kittel, Jatta und Alidou unterbindet Thiaw; Ranftl sieht gelb, weil er nach einem zu Unrecht verwehrten Einwurf zu laut meckert.

Churlinov versiebt zweihundertprozentige Torchance

Dann stockt allen Schalkern der Atem: Churlinov, gegen Nürnberg zum „Man of the Match“ gekürt, drängelt sich im Strafraum zwischen Johansson und Schonlau und kann sich die Ecke aussuchen – doch sein Abschluss geht am rechten Pfosten vorbei (52.). Allgemeines Haareraufen bei den Fans der Knappen, doch kurz darauf schallen schon wieder die asozialen Schalker aus der Kurve.

Reis sieht gelb wegen zu hohen Beins gegen Idrizi, der vor Schmerz schreiend genau vor den Füßen der Schalker Trainerbank landet. Nicht nur Grammozis, auch Büskens und Schröder haben dabei sichtlich hohen Blutdruck. Kurz darauf bringen sie mit Bülter für Pieringer und Aydin für Ranftl zwei frische Spieler; beim HSV kommt Kinsombi für Reis. Die nächste Offensivaktion geht auf das Konto des HSV, doch Fraisl schnappt sich den Schuss von Jatta.

Ko Itakura mit dem erlösenden Treffer

Dann ist Schalke wieder am Drücker: Einen Freistoß von Ouwejan verlängert Bülter etwas zu weit (66.), dann muss Johansson gegen Ouwejan und Bülter retten (67.). Auf der Gegenseite lenkt Itakura einen Schuss von Kittel an den Außenpfosten (68.).

Johansson pariert gegen Churlinov (72.), die folgende Ecke köpft Itakura auf die Querlatte (73.).  Beim HSV ersetzt Muheim Alidou; Palsson wird verwarnt. Kurz danach geraten Itakura und Kittel in einem hitzigen Zweikampf aneinander, beide erhalten sofort „Beistand“ von ihren Mannschaftskameraden, so dass sich ein ansehnliches Rudel bildet. Aytekin trennt die brüllenden Streithähne jedoch schnell, Itakura und Kittel sehen beide gelb.

Grammozis schickt jetzt Rückkehrer Sané für Idrizi ins Rennen, aber die ersehnte Erlösung bringt Itakura: Eine weitere Ecke von Ouwejan landet über Zalazar und Bülter in der Mitte bei dem japanischen Innenverteidiger, der blitzschnell reagiert und mit dem rechten Fuß zum 1:1 einschiebt (87.). JAAAAAAA! Im Gästeblock fliegen das Bier tief und die Laune hoch, erst recht, nachdem der VAR bestätigt hat, dass Bülter nicht im Abseits stand. Auch die Trainerbank ist völlig losgelöst, allen voran wie immer Mike Büskens.

Außer zwei weiteren Spielerwechseln des HSV – Kaufmann und Wintzheimer ersetzen Glatzel und Gyamerah – passiert bis zum Abpfiff der dreiminütigen Nachspielzeit nichts Nennenswertes mehr.

Alle Möglichkeiten offen

Beide Mannschaften können mit diesem verdienten Remis gut leben, denn es lässt sie mit jeweils 30 Punkten auf Rang 3 und 4 überwintern und bewahrt so alle Chancen für die Rückrunde.

Die Schalker Spieler sinken erschöpft und erleichtert auf den Rasen, bevor sich Mannschaft und Fans gegenseitig für das sehr versöhnliche Ende eines verrückten Jahres Applaus spenden. 2021 war für alle Schalker ein Wechselbad der Gefühle: Nach der Horror-Rückrunde der vergangenen Saison, in der die Fans die Geisterspiele hilflos vor dem Fernseher verfolgen und den Abstieg verdauen mussten, hat sich in der Hinrunde bereits Vieles zum Besseren gewendet. Die Fans konnten zumindest teilweise in die Stadien zurückkehren; die lustlosen Millionenverdiener sind weg, die völlig neu formierte Mannschaft zeigt meistens die Schalker Tugenden – zu sehen beispielsweise daran, dass Schalke von allen Zweitligamannschaften die mit Abstand meisten Tore in der Schlussviertelstunde erzielt hat – und hat sogar die Ausfälle von Kapitän Danny Latza und Top-Torjäger Simon Terodde weggesteckt. Und auch bei der bisweilen noch recht holprigen Spielkultur zeigten sich in den letzten Begegnungen durchaus Lichtblicke.

Ja, es ist auch noch Luft nach oben und an der Chancenverwertung und dem Spiel ohne Ball muss noch gearbeitet werden, hoffentlich auch durch die Verpflichtung eines guten Backups für Terodde im Wintertransferfenster. Trotzdem können Schalker sehr viel entspannter Weihnachten feiern als im Vorjahr!