Schalke – Sandhausen 5:2: Der ganz normale Schalker Wahnsinn

November 27, 2021 0 Von Susanne Hein-Reipen

Nichts ist unmöööööglich – dieser Werbeslogan einer Automarke könnte auch der Claim von Schalke 04 sein: Zur Halbzeit leicht frustriert bibbernde Fans beim 0:0 gegen den Tabellenvorletzten, dann gar ein Rückstand – und am Ende ein sattes 5:2. Susanne Hein-Reipen über eine verrückte zweite Halbzeit und den ganz normalen Schalker Wahnsinn…

Viele Plätze bleiben leer

Samstag 13.30 Uhr, 2G-Regel, hohe Inzidenzen und ein mäßig attraktiver Gegner: Das schreckt selbst einige hartgesottene Schalker vom Besuch der Arena ab. „46.319 verkaufte Tickets“ vermeldet Stadionsprecher Dirk, anwesend sind davon großzügig geschätzt zwei Drittel. Auch die Plätze der organisierten Fanszene wie Ultras Gelsenkirchen und Hugos bleiben wieder leer, denn das Motto ist „Alle oder keiner“. Die Meinungen der anderen Besucher zu dieser Aktion gehen sehr weit auseinander, denn Fakt ist: Der Support leidet unter diesem Fernbleiben. Der Gästeblock ist mit knapp 300 „Sandmännchen“ ebenfalls sehr überschaubar gefüllt, obwohl es das erste Punktspiel zwischen den beiden Mannschaften überhaupt ist.

Die Aufstellung schockt

Im Vorprogramm verliert Korbach 1984 e. V. Fanspiel und Bierkasten knapp mit 3:4 gegen die blau-weißen Rhönknappen; dann gibt es artigen Applaus für die Schalker U17-Mädels, die mit dem B-Juniorinnen-Pokal den allerersten Titel überhaupt für ein Schalker Damenteam gewinnen konnten.

Eine knappe Stunde vor dem Anpfiff gibt’s dann allerdings einen ordentlichen Tiefschlag für die Schalker Hoffnungen: in der Aufstellung fehlen mit Kapitän Latza, Palsson Aydin und Torjäger Terodde unerwartet gleich vier wichtige Stammspieler. Terodde hat sich eine Muskelverletzung zugezogen, Latza eine starke Prellung), zudem fehlt Churlinov wegen Problemen mit der Schulter. Ein wenig Mut macht, dass Terodde gutgelaunt und in Begleitung seines kleinen Sohnes die Ehrung zum Torrekord von Sportvorstand Peter Knäbel entgegennehmen kann.

Als Startelf schickt Cheftrainer Dimitrios Grammozis Fraisl, Thiaw, Itakura, Kaminski, Ranftl, Flick, Ouwejan, Zalazar, Drexler, Pieringer und Bülter ins Gefecht; die Kapitänsbinde übernimmt Drexler. Steiger- und Vereinslied leiden ein bisschen unter den vielen freien Plätzen, auch die Gesänge gegen den schwarzgelben Revierrivalen passen nicht wirklich in den Nachmittag.

Schalke besser, aber ohne Durchschlagskraft

Schalke beginnt durchaus schwungvoll und dominant, doch die erspielten Chancen werden allesamt versemmelt. Schon in den ersten Minuten gibt es zu „Steht auf, wenn Ihr Schalker seid“ zwei Eckbälle, die nichts einbringen; in der 8. Minute setzt Bülter eine schöne Vorarbeit von Zalazar und Ranftl meterweit am langen Pfosten vorbei, dann vergibt Zalazar selber.

Dem Support ist die fehlende Koordinierung anzumerken;  „Stadion gehen, im Pappbecher Bier“ und der Wechselgesang ebben sehr schnell wieder ab. Zwischendurch stürmt Fraisl noch über die Mittellinie und liest Kaminski und Flick die Leviten. Thiaw setzt einen schönen Schlenzer an den Pfosten, Pieringer verpasst den Nachschuss, Bachmann sieht wegen eines Fouls am sehr agilen Zalazar die erste gelbe Karte der Partie. Kurze Zeit darauf kommt Okoroji trotz arg hohen Beins gegen Ranftl ohne Verwarnung davon; das wird von den aus der Vorwoche stark schiri-geschädigten Schalkern mit „schei** DFB“ quittiert.

Nach zwanzig Minuten trauen sich die Gäste auch einmal über die Mittellinie; der Ex-Sandhauser Fraisl muss aber nicht eingreifen. Eine mustergültige flache Hereingabe von Zalazar zischt ungenutzt an Freund und Feind vorbei, die „da fehlt Terodde“-Seufzer werden lauter (30.). Auch Bülter und Zalazar haben kein Glück; Bülter sieht zudem Gelb wegen eines Fouls an Ajdini (42.). Den Schlusspunkt setzt symptomatisch für die erste Halbzeit eine vergebene Riesenchance von Zalazar, der nach einer wunderschönen Ouwejan-Flanke freistehend aus 7 Metern Torentfernung Keeper Dewes anköpft.  

Ritzmaier stellt den Spielverlauf auf den Kopf

Zur Halbzeit setzt es vereinzelte Pfiffe, die Mehrheit hofft noch bibbernd, dass der Knoten im zweiten Durchgang platzt. Nach der Fanbox tritt Mitja für das Team Fanbelange ans Mikrophon und wirbt für die Mitgliederaktion – bis 23.12. sparen sich Neu-Schalker die Aufnahmegebühr und können signierte Trikots gewinnen – und den königsblauen Adventskalender. Für das kommende Auswärtsspiel bei Spitzenreiter St. Pauli gilt 2G, die Hanseaten bitten zudem darum, sich möglichst aktuell testen zu lassen. Für das weitere Spiel im Norden beim HSV können sich Fanclubs noch für die „gazprom away-Days“ mit 2 x 9 Tickets bewerben.

Beide Mannschaften kommen personell unverändert wieder auf den Rasen, unverändert bleibt auch, dass Schalke sich Ecken erspielt, die dann nichts einbringen; doch es kommt noch dicker: Einen Ballverlust von Ranftl nutzt Benschop aus; über Soukou kommt der Ball zu Ritzmaier, der an Fraisl vorbei zum 0:1 einschiebt (47.). Diese Führung würden selbst die größten Sandhauser Enthusiasten nicht als verdient bezeichnen, das Schalker Publikum schwankt zwischen Frust und Resignation, statt Support gibt es Stille.

Schalke dreht auf

Zum Glück stecken die Akteure auf dem Rasen nicht auf, nach einigen weiteren Minuten engagierten aber fruchtlosen Anrennens belohnt Ouwejan nach Vorarbeit von Ranftl, Drexler und Bülter die Bemühungen mit dem hochverdienten 1:1-Ausgleich (58.).

Nun erwacht auch die Nordkurve wieder aus der Erstarrung, „Schalalala Schalke“ tönt durch die Arena – und nach zwei weiteren vergebenen Chancen durch Drexler und Bülter kommt der Ball über Drexler und eine Ouwejan-Flanke erneut gefährlich in den Strafraum, wo Bülter und Pieringer zunächst verpassen. Okorojis Kopfballklärung landet jedoch vor Bülters Füßen, so dass er den Ball an die Unterkante der Latte knallen kann, von dort springt er zum 2:1 ins Tor (64.). JAAAAAAAA!

„Der FC Schalke wird deutscher Meister und wir holen den Pokal“ schallt von der Nordkurve, Schalke hat das Spiel gedreht und bleibt im Vorwärtsgang. Sandhausen reagiert sofort und bringt mit Conteh für Bachmann einen frischen Offensivmann, die Chancen liegen aber weiter bei den Hausherren. Ranftl und Pieringer vergeben, dann heißt es wieder „Ein Leben laaaaang“: Ecke Ouwejans, Bülter verlängert und der Ball prallt von Zhirovs Knie ins eigene Tor, das 3:1 in der 72. Minute.

Jetzt wird gezaubert

Die Vorentscheidung? Nein, denn mitten hinein in „Ob ich verroste und verkalke“ platzt nur zwei Minuten später der Anschlusstreffer zum 3:2 von Testroet (74.). Da war die Schalker Abwehr noch nicht wieder auf Ballhöhe…

…das Gleiche gilt jedoch wiederum zwei Minuten später auch umgekehrt: Pieringer, ansonsten sehr engagiert, aber in puncto körperlicher Durchsetzungsfähigkeit noch mit ordentlich „Luft nach oben“, behauptet sich gut gegen Zhirov und bedient Ranftl, der wiederum nach einigen Metern flach zu Bülter passt – und der verlängert elegant mit der Hacke ins lange Eck (76.).

Das 4:2 wird natürlich von Mannschaft wie Fans erleichtert gefeiert, jetzt sind die „asozialen Schalker“ angesagt. Einen schönen Fernschuss von Zalazar kann Dewes noch um den Pfosten lenken (79.), aber in der 82. Minute belohnt sich die Schalker Nummer 10 endlich für ihr Engagement und erzielt nach Doppelpass mit Bülter von Höhe des Elfmeterpunkts das 5:2. Geht doch!!!

Der S 04 ist wieder da-aaaa…

Den Fans scheint nunmehr die Sonne aus dem Popo, „der S 04 ist wieder da“ und Überlegungen, wann zuletzt fünf Tore aus dem Spiel heraus erzielt wurden, sind angesagt. Grammozis hingegen setzt nun auf defensive Beruhigung und bringt Palsson für Zalazar, Aydin für Ranftl, Rzatkowski für Bülter und Matriciani für den leicht angeschlagenen Ouwejan. Beim letzten Wechsel sorgt Quatscher Dirk für einen unfreiwilligen Lacher, denn statt Matriciani sagt er den seit Ende August an Besiktas Istanbul ausgeliehenen Can Bozdogan an. Wechsel Nummer 5 ist Idrizi für Drexler, auch Sandhausen tauscht Testroet und Ajdini gegen Esswein und Sickinger.

Am Spielverlauf ändern die neuen Leute indes nichts mehr, das Endergebnis lautet 5:2. Die Erleichterung der Mannschaft nach zuletzt drei sieglosen Spielen und dem unberechtigten Last-Minute-Elfer von Bremen ist bei der anschließenden Welle und Ehrenrunde fast mit den Händen zu greifen.

Durch diesen Dreier springt Schalke zumindest bis morgen wieder auf Rang 4 und verschafft sich vor den beiden Spitzenspielen beim FC St. Pauli und gegen den 1. FC Nürnberg eine gute Ausgangsposition – die erste Halbzeit hat aber auch deutlich gezeigt, dass die Schalker Offensive ohne Terodde deutlich weniger Durchschlagskraft insbesondere im Strafraum hat. An dieser „Baustelle“ muss das Trainerteam nunmehr verstärkt arbeiten.