Einmal Schalker, immer Schalker: Stan Libuda würdevoll in Grab Nummer 7 auf dem Schalke Fan-Feld umgebettet

Einmal Schalker, immer Schalker: Stan Libuda würdevoll in Grab Nummer 7 auf dem Schalke Fan-Feld umgebettet

15. Januar 2022 0 Von Susanne Hein-Reipen

In einer bewegenden und würdevollen Zeremonie unter großer Anteilnahme der Schalker Vereinsführung und zahlreicher ehemaliger Mitspieler hat die königsblaue Legende Reinhard „Stan“ Libuda auf dem Schalke Fan-Feld auf dem Friedhof Beckhausen-Sutum eine neue letzte Ruhestätte gefunden: Am blau-weißen Mittelkreis im – wie könnte es anders sein – Grab Nummer 7 ruht nun einer der genialsten Spieler der Schalker Geschichte. Susanne Hein-Reipen über einen besonderen Tag, der einmal mehr zeigt, dass Schalke und Schalker sein viel, viel größer sind als Fußball.

Wenn an einem nasskalten und grauen Januarmorgen inmitten der Coronapandemie zahlreiche Größen des Ruhrgebietsfußballs über alle Vereinsgrenzen hinweg auf einen Friedhof streben, ist klar: Da geht es um einen ganz Großen. Auch fünfzig Jahre nach seiner sportlichen Glanzzeit und über 25 Jahre nach seinem Tod kennt jeder den genialen Dribbelkünstler Stan Libuda und den unsterblichen Spruch „Keiner kommt an Gott vorbei, außer Stan Libuda“.

Keiner kommt an Gott vorbei…

In leicht abgewandelter Form – „Keiner kommt an Gott vorbei. Und das ist auch gut so.“ – ziert er denn auch die blau-weiße Schleife des Kranzes der Stiftung Schalker Markt vor seinem Sarg. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, der Schalker Seele an ihren Geburtsorten neues Leben einzuhauchen und dem Stadtteil neue Anstöße zu geben. Der Vorstandsvorsitzende Olivier Kruschinski ist vielen Schalkerinnen und Schalkern auch bekannt als Guide der Mythos-Touren und unermüdlicher Kämpfer für die Schalker Meile. Kruschinski bietet nicht nur den Erinnerungsspaziergang „Die Gräber der Götter“ an, sondern pflegt auch privat zahlreiche Gräber verstorbener Schalker Größen – und als er erfährt, dass die Grabstätte von Stan Libuda auf dem Ostfriedhof eingeebnet werden soll, gibt es für ihn kein Halten mehr und er findet in Ender Ulupinar vom Schalker Fan-Feld, dem Bestattungshaus Suttmeyer und dem FC Schalke 04 Supportersclub Mitstreiter, die alle Schalke im Herzen tragen…

Libudas Sohn Matthias ist über das unverhoffte Angebot, langfristig eine Stätte der Erinnerung an seinen legendären Vater zu schaffen, begeistert. Einziger Wermutstropfen: Bedingt durch die geltenden Corona-Vorschriften kann die Umbettung nicht mit dem Libuda gebührenden „großen Bahnhof“, sondern nur in kleinem Kreis durchgeführt werden: In der Trauerhalle findet sich neben Matthias Libuda, Bodo Menze, Ehrenpräsident Gerd Rehberg und der langjährige BVB-Präsident Reinhard Rauball auch der komplette Schalker Vorstand ein, um Libuda die letzte Ehre zu erweisen. Für den neuen Vorstandsvorsitzenden Dr. Bernd Schröder ist es der erste größere Auftritt an seiner neuen Wirkungsstätte.

Im Atrium vor der Trauerhalle verfolgen zahlreiche ehemalige Mitspieler von Stan die Umbettungsandacht. Neben legendären Schalkern wie Klaus Fischer, „Tanne“ Klaus Fichtel“, Rüdiger Abramczik, den Kremers-Zwillingen, Hannes Bongartz und Olaf Thon haben auch die BVB-Idole Siggi Held und Wolfgang Paul den Weg nach Gelsenkirchen gefunden. Angeführt vom Aufsichtsratsvorsitzenden Axel Hefer sind auch der Aufsichtsrat, Ehrenrat und Wahlausschuss der Königsblauen vertreten.    

Die Erinnerung lebt

Die Atmosphäre in der Kapelle mit den von der Farbe Blau geprägten Buntglasfenstern ist eine ganz besondere. Das Schwere, Bedrückende, die frische Trauer, die Beerdigungen sonst innewohnt, fehlen, vielmehr überwiegen Freude und Erleichterung, dass Stan Libuda auch über 25 Jahre nach seinem Tod nicht vergessen ist und einen schönen Platz für Erinnerungen und Gedenken bekommt. Dennoch: Als Saxophonist Norbert Labatzki mit einem feierlichen Stück die Umbettungsfeier eröffnet, sind alle ergriffen.

Pastor Markus Pottbäcker, ebenfalls Schalker durch und durch und engagiert im Kuratorium der Stiftung, findet genau die richtigen Eingangsworte: Es geht heute weniger um Abschied, als vielmehr um die Erinnerung an einen besonderen Menschen. Als Bibellesung folgt Kapitel 19 des Lukasevangeliums über den kleingewachsenen Zöllner Zachäus.

Eine Legende des Ruhrgebiets

Jedes Leben ist einer Erinnerung wert, entscheidend ist nicht die Anzahl der Menschen, sondern die Liebe, die dahintersteht – und kaum einer wurde und wird von den Schalkern mehr geliebt als Stan Libuda, dessen Leben zeitweise Züge einer griechischen Tragödie hatte und der bei aller Verletzlichkeit zu einer Legende wurde. „Wenn wir auf das Leben Libudas schauen, schauen, wir auch auf uns, auf das Ruhrgebiet, auf Gelsenkirchen: Auch wir kennen den Niedergang, aber auch die Liebe.“ Pottbäckers wunderbares Fazit: Stan sei „eine Legende des Ruhrgebiets, nicht mit goldenen Schnörkeln, sondern eher Gelsenkirchener Barock – und genau deshalb so sympathisch“.

Pottbäcker glaubt, dass Gott ebenso wie Jesus in der Begegnung mit Zachäus tiefer schaut und erkennt, wenn eine Seele Anerkennung und Liebe sucht – und dass er Humor hat. Wer weiß, vielleicht wurde Stan ja im Himmel von ihm mit einem Augenzwinkern begrüßt, „von wegen, Du kommst an mir vorbei…?“

Die folgende virtuose Darbietung auf dem Saxophon bietet allen Trauergästen die Gelegenheit, den mit blau-weißen Blumen geschmückten Sarg und das Porträt von Stan zu betrachten und ihren ganz persönlichen Erinnerungen nachzuhängen. Sogar der Pokal, den er 1972 als Kapitän überglücklich in die Luft recken durfte, steht zu seinen Füßen.

Sein Herz war immer königsblau

Peter Knäbel ist es dann vorbehalten, die mehr als beeindruckende Karriere von Stan zu skizzieren: „Überirdisch“ sei er an guten Tagen gewesen; seine Dribbelkünste verzauberten nicht nur das Schalker Publikum, sondern bisweilen auch die gegnerischen Fans. Li-bu-da! Li-bu-da!

Angesichts des (vermeintlichen) Schalker Abstiegs im Jahr 1965 wechselte Stan zum schwarzgelben Revierrivalen und erzielte dort in der Verlängerung das Siegtor zum Gewinn des Europokals der Pokalsieger… Erwin Kostedde sagte dazu einmal „ich glaube, Stan war sowohl auf Schalke als auch in Dortmund glücklich, aber er blieb immer Schalker“.

1968 holte Präsident Günter Siebert Stan wieder „nach Hause“. Er war die perfekte Projektionsfläche für alle Träume, es als kleiner Junge aus einfachen Verhältnissen in der großen Welt zu schaffen. Und Libuda zahlte es mit Spitzenleistungen im Verein und in der Nationalmannschaft zurück. Sein Siegtreffer über Schottland sicherte endgültig die Teilnahme an der WM 1970, von dort kehrte Stan nach einer 5:2-Gala gegen Bulgarien, bei der er an vier Treffern beteiligt war, als WM-Dritter und internationale Berühmtheit zurück.

1972 gewann die Schalker „Jahrhundertelf“ unter ihm als Kapitän den Pokal, das Glück war ihm anzusehen. Seine Mitspieler berichten übereinstimmend, er habe sich gegen die Spielverschiebung im Bundesligaskandal ausgesprochen, sei dann aber von den älteren Spielern überredet worden, das Geld anzunehmen – „er war kein Betrüger, aber etwas wankelmütig“.

Die Fans akzeptierten, ja liebten ihren Stan immer; „Stan ist wie der Fußball selbst, man weiß nie, was kommt, Sieg oder Niederlage, grandios oder grottenschlecht“. Leider sei die Fallhöhe nach seiner großartigen Karriere sehr hoch und von mehreren Tragödien geprägt gewesen, so dass sein Herz viel zu früh versagte. Knäbel schließt mit der Aussage, dass „der Aufwand heute“ dem bescheidenen Stan wohl auch nicht recht gewesen wäre, aber er sei dankbar „unsere ehemalige Nummer 7 weiterhin in unserer Nähe zu haben“.

Links antäuschen, rechts vorbeigehen

Reinhard Rauball erklärt kurz, wie der legendäre Spruch entstanden ist – ein bis heute unbekannter Fan hat ein Plakat „An Gott kommt keiner vorbei“ des Predigers Billy Graham handschriftlich mit dem  Zusatz „…außer Stan Libuda“ versehen. „Das war eine Auszeichnung, die man nicht besser hätte machen können“.

Rauball betont, Libuda sei immer bodenständig geblieben. Er; Heldt und Emmerich seien als Offensivtrio in Diensten des BVB „mit das Beste gewesen, was es je im deutschen Fußball gab“, auch gegen seine große Liebe Schalke habe er „zweimal überragend gespielt, auch wenn ich das Ergebnis aus Pietätsgründen verschweige“. Er selber habe ihn nicht persönlich kennengelernt, aber im Stadion Rote Erde spielen sehen – und gerade, als ein Zuschauer meckerte „der kann auch nur links antäuschen und rechts vorbeigehen“, habe Stan einen anderen genialen Trick gebracht… Rauball schließt mit einem Dank an die Stiftung Schalker Markt, alle ehemaligen Mitspieler und natürlich Stan selber.

Blau und weiß ein Leben lang – und darüber hinaus

Nach der Aussegnung formiert sich die Gemeinde hinter dem Sarg, Klaus Fischer übernimmt wie bereits bei Rolf Rüßmann und Charly Neumann die Schalker Fahne mit dem Trauerflor – ein äußerst ergreifender Moment, auch wenn der Tod Libudas schon so lange her ist. Die letzte Stunde hat eine große Zeit unseres Vereins sehr nahe gerückt, die Tradition ist greifbar wie selten.

Der Weg zum Grab ist kurz, das Fan-Feld erstrahlt trotz der winterlichen Witterung in Blau und Weiß, als die sterblichen Überreste von Stan sanft in die letzte Ruhestätte mit der Nummer 7 heruntergelassen werden. Als alle sich von ihm verabschiedet haben, herrscht Einigkeit, dass es trotz der nicht ganz einfachen Umstände eine würdevolle, schöne und angemessene Veranstaltung war. Blau und Weiß ein Leben lang – und darüber hinaus…