Darmstadt – Schalke 2:5: Jubel-Serie unter Büskens geht spektakulär weiter

Darmstadt – Schalke 2:5: Jubel-Serie unter Büskens geht spektakulär weiter

18. April 2022 1 Von Susanne Hein-Reipen

Der FC Schalke 04 ist unter Interims-Chefcoach Mike Büskens auch im fünften Spiel nicht zu stoppen und siegt in einer atemberaubenden Begegnung mit 2:5 (2:3) in Darmstadt. Damit gelingt nicht nur eine eindrucksvolle Revanche für das Hinspiel, Schalke bleibt auch Tabellenführer und kann seinen Vorsprung sogar vergrößern. Susanne Hein-Reipen ist heiser, aber glücklich…

Wenn am Ostersonntag hunderte gutgelaunte Menschen durch den Frühlingswald laufen, suchen sie nicht zwangsläufig Eier – es können auch Schalker sein, die durchs Grün spazieren, um den Gästeblock des Stadions am Böllenfalltor zu erreichen. Das Wetter lässt keine Wünsche offen, die Tickets – wegen der Umbauarbeiten sind die Kapazitäten eingeschränkt – sind heiß begehrt. 14.500 Zuschauer bedeutet restlos ausverkauft.

Böllenfalltor 2.0

Begehrt sind auch die köstlichen Feuerwürste vom Holzkohlengrill, dann geht es auf Entdeckungsreise: Außer den vier altehrwürdigen Flutlichtmasten ist von der schrammeligen unüberdachten Gegengeraden, die die Schalkefans noch bei ihrem letzten Besuch erlebt haben, nicht mehr viel übriggeblieben; stattdessen gibt es jetzt eine moderne überdachte Tribüne – und die siffigen Dixieklos sind zur Freude insbesondere der Damenwelt nigelnagelneuen Toiletten gewichen. Die VIPs müssen noch mit einem Zelt vorliebnehmen.

Zwischendurch gibt es eine kleine Irritation, weil der Gästeeingang vorübergehend wieder dichtgemacht wird, obwohl noch etliche Königsblaue draußen stehen. Des Rätsels Lösung heißt im Polizeideutsch „im Bereich des Gästeeingangs haben sich einige Fans der Eingangskontrolle entzogen“ – bei dem Blocksturm kommt jedoch keiner zu Schaden und bald öffnen sich die Durchgänge wieder.

Never change a winning team

Als die Mannschaft in den dunkelroten Auswärtstrikots zum Warmmachen auf den Platz kommt, wird sie lautstark begrüßt. Chefcoach Mike Büskens lässt dieselbe Anfangsformation ran, die am letzten Wochenende den umjubelten 3:0-Heimsieg gegen Heidenheim einfahren konnte: Fraisl, Calhanoglu, Thiaw, Kaminski, Matriciani, Latza, Itakura, Zalazar, Drexler, Bülter und Terodde sollen es richten.

Die Kurve brennt auf das Spiel und verpasst dem Klassiker „Immer wenn du spielst, steh ich in der Kurve…“ eine neue Endung: „…schrei so laut wie ich nur kann, für die erste Liga.“ Die Heimfans sind derweil auch nicht untätig und zeigen ein großes Transparent „Come on you boys in blue“, dann gibt es mit „Untertiteln“ den Song „Oh Lilien“. Nur der Stadionsprecher stört ein wenig mit seinen ebenso hartnäckigen wie erfolglosen Versuchen, den Support des Gästeblocks zu übertönen.

Zwei Doppelpacks und zwei Verletzte

Nach dem Anpfiff übernehmen auf dem Rasen zunächst die Lilien die Initiative und kommen durch Bader (3.) Sobiech (4.) und Manu (9.) zu ersten Chancen. Auf den Rängen gibt Königsblau den Ton an: „Hurra, hurra, die Schalker die sind da“ und „Um die halbe Welt sind wir gefahr’n, immer wieder feuern wir Euch an“ ist vermutlich bis in den Ruhrpott zu hören.

In der 11. Minute jubeln jedoch die Heimfans: Skarke vernascht Matriciani und bedient Tietz, dessen erster Versuch per Kopf von der Latte wieder zurückspringt und dann von ihm über die Linie bugsiert wird – das 1:0 für die Hausherren. Der Rückstand wirkt jedoch offenbar als Hallo-wach-Pille für die Schalker Mannschaft, denn keine drei Zeigerumdrehungen später marschiert Zalazar über die rechte Seite und passt zu Bülter, der das Leder zum zweiten Pfosten verlängert, wo Terodde den Kopf hinhält und das 1:1 erzielt (14.). Die Kurve ist begeistert und stimmt „Schalke, ich bin für dich geboren“ und „Steht auf, wenn Ihr Schalker seid“ an. Lilien-Coach Lieberknecht ist nicht ganz so begeistert und sieht Gelb wegen Meckerns.

Dann der Wermutstropfen: Sobiech landet nach einem Zweikampf mit Terodde sehr unsanft auf seinem Arm und muss kurz darauf gegen Isherwood ausgetauscht werden; schlimmer noch erwischt es Latza: Holland trifft nicht nur den Ball, sondern auch das Sprunggelenks des Schalker Kapitäns, der ohnehin eine ziemliche Seuchen-Saison erwischt hat. Latza wird nach kurzer Behandlung unter Sprechchören auf der Bahre vom Platz getragen, für ihn kommt Palsson ins Spiel und übernimmt die Kapitänsbinde.

Als das Spiel wieder läuft, schnappt sich Terodde eine mittelprächtige Flanke von Zalazar vor Isherwood und köpft den Ball zur 2:1-Führung für Schalke ins Netz (29.). Nunmehr scheint den Gästefans die Sonne aus dem Gesäß und sie zelebrieren genüßlich „Olé Blau-Weiß“, „Auf geht‘s Schalke kämpfen und siegen“ und die Ruhrpottkanaken.

Drexler wird von Kempe mit einem Freistoß „mit Schmackes“ am Hinterkopf erwischt, kann aber nach kurzer Behandlung mit Brummschädel weiterspielen. Am nächsten Tor ist der Brummschädel jedoch schuldlos, Thiaw und Matriciani sind zu weit von Tietz entfernt, als dieser einen schönen Heber von Manu zum 2:2 in Fraisls Tor nickt. 2:2 (34.), alles wieder offen.

Bülter dreht mächtig auf

Die Gästekurve supportet jetzt mit „Wir kommen aus Gelsenkirchen“, auf dem Platz ist ein offener Schlagabtausch der beiden offensivstärksten Teams der zweiten Liga im Gange – und noch vor der Pause dürfen die Schalker die erneute Führung bejubeln, weil Bülter einen Konter mit Hilfe einiger Darmstädter Waden erfolgreich zum 2:3 vollendet (43.). Durch die zahlreichen Verletzungspausen gibt es rund sieben Minuten obendrauf, dann können alle mal durchschnaufen. Halbzeit!

Die Laune der circa 2.000 mitgereisten Schalker ist mindestens so sonnig wie das Wetter; durch die Pausenführung der Nürnberger Freunde in Bremen ist Schalke momentan alleiniger Spitzenreiter. Doch allen ist klar: Noch ist nichts erreicht!

Der Wiederbeginn scheint das Bauchgrummeln zu bestätigen, denn Tietz hängt Thiaw ab und erzielt das vermeintliche 3:3, aber die Fahne des Linienrichters ist bereits oben. Besser macht es erneut Bülter, der den folgenden Freistoß am zu spät herauseilenden Behrens vorbei in den leeren Kasten einschiebt und euphorisch vor die Schalker Kurve läuft. JAAAAAAAA! 2:4 in der 48. Minute; sofort setzt eine begeisterte Endlosschleife von „Schalke ist der geilste Club der Weeeeelt“ ein.

Die Darmstädter stecken jedoch noch nicht auf, angetrieben von den Fans auf der Jonathan-Heimes-Tribüne mit Ess! Vau! Dee! Ein schöner Schuss von Zalazar aus 18 Metern Torentfernung klatscht gegen die Latte (56.); Drexler holt sich im Kopfballduell mit Pfeiffer den zweiten Brummschädel an diesem Tag. An der Seitenlinie vor der Schalker Bank, auf der Mike Büskens gewohnt temperamentvoll mitfiebert, geraten Calhanoglu und Manu heftig aneinander und werden beide gelbverwarnt.

Die königsblauen Fans stört das herzlich wenig; sie feiern mit „Stadion geh’n, im Pappbecher Bier“ ab, als sich erneut Bülter ein Zuspiel von Terodde schnappen und mit dem linken Fuß ins lange Eck zum 2:5 vollenden kann (62.). Fünf Stürmertore auswärts, wie geil ist das bitte?!

Königsblauer Vorbeimarsch

Mit einer so hohen Führung hatten selbst die größten Optimisten nicht gerechnet, deshalb gibt es eine extralaute Version von „Eine Stadt erstrahlt in Blau“ und zahlreiche Klassiker von „Wer kreist so wie ein Falke“ bis zum Schalkewalzer. Währenddessen bringen beide Trainer frisches Personal; bei Schalke darf Vindheim erstmals nach seiner Verletzung für Calhanoglu ran, auf Darmstädter Seite kommen Mehlem und Ronstadt für Isherwood und Manu; Ronstadt sieht direkt gelb für ein taktisches Foul gegen Palsson.

Behrens schnappt sich einen Schuss von Terodde; ein Abschluss von Skarke verfehlt das Schalker Tor nur knapp. Mit Honsak (für Skarke) und Flick (für Zalazar) dürfen weitere Spieler Einsatzminuten sammeln; Zoff gibt es zwischen Fraisl und Tietz, die über einen angeblich verzögerten Abstoß eine Schubserei anzetteln und beide Gelb sehen. Die Heimtribüne kommentiert das mit einem mäßig kreativen „Scheixxe 04“ und bekommt nur ein höhnisches „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ und „Warum seid Ihr… so leise?“ als Antwort. Die Ansage des Ex-Lüdenscheiders Sobiech, er wolle „Schalke aus dem Stadion schießen“, ist zur großen Schadenfreude der Fans spektakulär nach hinten losgegangen.

„Gegen Schalke kann man mal verlier’n“ gibt’s noch gratis obendrauf. Als letzte nennenswerte Aktion landet ein Schuss von Honsak am Außennetz, dann ertönt der Abpfiff.

Der Wahnsinn geht weiter

Durch den fünften Sieg im fünften Spiel unter Büskens bleibt Schalke mit nunmehr 56 Punkten alleiniger Spitzenreiter und hat zudem das mit Abstand beste Torverhältnis. Darmstadt steht mit 51 Punkten auf Platz 4, wird aber dennoch von den eigenen treuen Fans herzlich gefeiert.

Die Schalker Spieler tanzen ausgelassen im Kreis herum, bevor sie angeführt von Fraisl und Drexler vor die jubelnde Kurve stürmen. „Schalke ist der geilste Club der Welt“, „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey“, eine Welle, noch eine und „Geh’n mit Dir auf jede Reise“ werden dann gemeinsam zelebriert; zwischendurch stürmt noch ein jubelnder Rouven Schröder durchs Bild und ballt die Fäuste, offenbar hat der Schalke-Virus auch ihn befallen. Bülter gönnt sich noch ein Selfie mit der Kurve im Rücken, dann geht ein äußerst erfolgreicher Fußballnachmittag zu Ende.

Am nächsten Samstag empfängt Schalke mit dem SV Werder Bremen einen weiteren direkten Konkurrenten, mit dem man ebenfalls aus dem Hinspiel noch ein gewaltiges Hühnchen zu rupfen hat…