Schalke – Bayern 0:0: Schalke als moralischer Sieger einer grandiosen Abwehrschlacht
6. September 2026Der FC Schalke 04 erkämpft sich im ersten Heimspiel nach drei Jahren Erstligaabstinenz mit bedingungslosem Einsatz ein verdientes 0:0 gegen Rekordmeister Bayern München und wird von den Fans in der ausverkauften Arena wie nach einem Kantersieg gefeiert. Man of the Match ist Loris Karius, der die Weltklassestürmer der Gäste mit ebensolchen Paraden sichtlich entnervt. Sein Gegenüber Manuel Neuer wird auch bei seinem mutmaßlich letzten Auftritt als Aktiver in der Veltins-Arena bei jeder Ballberührung gellend ausgepfiffen. Susanne Hein-Reipen über einen aufregenden Abend…
Die Sehnsucht der Schalker nach erster Liga in ihrem „Tempel“ ist groß und so füllen sich die Parkplätze rund um die Veltins-Arena bereits am frühen Nachmittag. Dabei greifen Bayernfans die wie immer geschlossen zur Arena marschierenden Ultras Gelsenkirchen an; Resultat sind einige blutige Nasen und ein polizeilicher Platzverweis für die bayrischen Neandertaler.
Neuer und die Nordkurve: Eine Feindschaft, die niemals endet
Im Stadioninneren glänzt die Wand zwischen Ober- und Unterrang der Südkurve frisch gestrichen, frisch Weiß auf Blau ist dort der riesige Schriftzug „Fußballclub Gelsenkirchen Schalke seit Neunzehnhundertvier“ zu lesen. Im Vorprogramm gibt es neben dem bekannten Torwand-Fanspiel ein Quiz mit sechs mehr oder minder kniffligen königsblauen Fragen.
Am Mikrofon beim neuen Stadionsprecher Kevin Gerwin schwelgt Halil Altintop in Erinnerungen, als es plötzlich laut wird: Manuel Neuer kommt zum Warmmachen auf den Platz und wird mit einem gellenden Pfeifkonzert und einigen Nettigkeiten der Marke „Manuel Neuer ist ein H*rensohn“ und „Wir sind Schalker und Du nicht“ empfangen, obwohl er sich in der letzten Woche in Interviews durchaus positiv über seinen Jugendverein geäußert hat.
Das Schalker Torhütertrio und die Mannschaft werden hingegen begeistert aufgenommen; die Nordkurve ist bereits mit 04 Bengalos on fire und dröhnt „Schalala Schalke 04“ und „Auf geht‘s Schalke kämpfen und siegen!“. Für die Feldspieler der Gäste gibt es dann wieder Pfiffe; derweil seufzt der nach seiner roten Karte in Augsburg gesperrte Ron Schallenberg bei Kristina Laaser, wie weh es tut, bei diesem Spiel nicht auf dem Rasen dabei zu sein.


Nicht der Bessere soll gewinnen, sondern immer nur SCHALKE
Als Song des Spieltags hat Soufi El-Faouzi sehr passend „Till I collapse“ von Eminem ausgesucht; dann performed Florians-Frontman Arnd live den Königsblauen S04. Zwischendurch sickert die Nachricht durch, dass die zweite DFB-Pokalrunde Schalke nach Dresden führt – die Begeisterung hält sich in Grenzen, denn die meisten haben sich nach Jahren der mäßig erfolgreichen Auswärtsspiele endlich mal wieder ein Pokalheimspiel gewünscht.
Groß sind die Begeisterung und Wehmut dann aber, als das neue Moderatorenduo ihren aus Gesundheitsgründen zurückgetretenen Vorgänger „Quatscher“ Dirk Oberschulte-Beckmann mit einem Einspieler würdigen. Auch die Ultras Gelsenkirchen zollen mit „Mehr als 30 Jahre alles für Schalke – Danke Quatscher!“ der königsblauen Stimme Respekt.
Die Aufstellung der Bayern wird mit einigen Begleitpfiffen runtergerasselt, offenbar glaubt Vincent Kompany, dass es auch ohne Kane, Olise und Musiala für Schalke reicht. „Blau und Weiß, wie lieb ich Dich“ und das Steigerlied gehören natürlich dazu, dann gibt es einen kleinen musikalischen Gruß nach Enschede und die königsblaue Startelf: Chefcoach Miron Muslic setzt auf Karius, Kurucay, Katic, T. Becker, Gosens, Tanaka, El-Faouzi, Dina Ebimbe, Ljubicic, Aouchiche, Ljubicic und Sylla. Der wiedergenesene Kapitän Karaman nimmt ebenso wie Superstar Dzeko zunächst auf der Bank Platz.
Zum Einlaufen der Mannschaften präsentiert die Nordkurve eine Choreo, bei der in Anlehnung an den legendären Spruch von Werner Hansch zunächst im Oberrang das Motto „Nicht der Bessere soll gewinnen, sondern immer“ und dann im Unterrang ganz groß „SCHALKE“ erscheint. Dazu erklingt „Olé olé FC Schalke 04“ und „Schalke, ich bin für Dich geboren“. Stark!



Leidenschaftlicher Abwehrkampf ab der ersten Minute
Die Rollen sind bereits ab dem Anpfiff klar verteilt: Bayern ist Favorit und macht das Spiel, Schalke ist der Underdog und zieht sich zurück. Und dahinter wartet Karius in Glanzform, wie Karl (3.) und Brown (13.) feststellen dürfen. Das königsblaue Publikum ist derweil heiß wie Frittenfett; „Steht auf, wenn Ihr Schalker seid“ und „Für Deine Farben leben und sterben wir“ sind angesagt.
Die Teams schenken sich nichts; Sylla und Tah führen intensive Auseinandersetzungen, Katic belibt nach Browns Chance benommen im Strafraum liegen, was sofort zu „Ihr seid nur ein H*rensohnverein“ und Nikola Katic-Sprechchören führt. Zum Glück kann der eisenharte Innenverteidiger weiterspielen. Dann wird „Eine Stadt erstrahlt in Blau“ angestimmt; der Gästeblock hingegen ist akustisch mausetot, nach dem polizeilichen Platzverweis fehlen große Teile der Fanszene, der Rest boykottiert. Erfreulich: Anders als in den Vorjahren haben deutlich weniger Schalker Dauerkartenbesitzer ihre Tickets an Bayern verschachert, es sind nur sehr vereinzelte rote Punkte auf der Gegengeraden auszumachen.
Die Schalkefans feiern jeden gewonnenen Ball, jeden gelungenen Zweikampf, jeden noch so kleinen Patzer des Gegners lautstark, nur die Hoffnung „Auf geht‘s Schalke schieß ein Tor“ erfüllt sich nicht. In der 19. Minute schickt Aouchiche einen schönen Freistoß – zuvor hatte Laimer Gosens weggeschubst – nach innen, die FCB-Abwehr kann aber klären.
Torlos in die Pause
Upamecano bekommt nach einem langen Einwurf den Ball an die Hand, einen Strafstoß gibt es dafür auch nach Konsultation des VAR nicht, dafür einige Beschimpfungen als „Bayernschweine“ (24.). Attacke! Auch bei einem Laufduell zwischen Davies und Dina Ebimbe, der im Strafraum zu Boden geht, bleibt die Pfeife stumm (26.). Karius pflückt den folgenden Eckball souverän runter. Ein Schuss von Saibari segelt ein Stück über die Latte (31.).
Die erste gelbe Karte des Spiels geht an Dina Ebimbe, der Upamecano unsanft bremst (31.), einige Minuten später ist Upamecano wegen eines Fouls an Sylla selber fällig (35.). Zu den Klängen von „Geh‘n mit dir auf jede Reise“ legt sich Aouchiche den Ball für den fälligen Freistoß zurecht und kann diesen auch gefühlvoll um die Mauer drehen, aber Neuer faustet ihn gekonnt ins Toraus. Wie bei jeder seiner Ballberührungen setzt es auch für diese Aktion Pfiffe.
Ein schöner Entlastungsangriff über Tanaka, Sylla und El-Faouzi wird von Upamecano geklärt (39.), die Nordkurve feiert trotzdem mit dem Wechselgesang SCHALKE! – NULLVIER! mit der Südkurve. Auch die vergebene Großchance Luis Diaz frei vor Karius erfreut die königsblauen Gemüter (41.), der Rest der regulären Spielzeit und die zweiminütige Nachspielzeit sind intensives Geplänkel ohne ernsthafte Torgefahr auf beiden Seiten und so geht es torlos in die Kabinen.


Bayern rüstet auf
Das Gelsenkirchener Publikum ist begeistert von dem mehr als beherzten Auftritt und spendet lautstarken Applaus. In der folgenden Pause gibt es erstmals seit Beginn der Arena-Zeitrechnung keine Fanbox, aber der Talk mit Thomas Kirschner vom Team Fanbelange bleibt. Dieses Mal geht es u. a. um die Party zum 30jährigen Bestehen des Supporters Clubs, die laufende Umfrage an alle Fanclubmitglieder und das anstehende Auswärtsspiel bei den Eisernen.
Zum Wiederanpfiff gibt es natürlich wieder Pfiffe für Neuer, als dieser den Kasten vor der Nordkurve besetzt, Bayern-Coach Kompany bringt nun Toptorjäger Kane für Brown. Die UGE zeigen ein Banner mit der Aufschrift „Gegen all unsere Feinde, Drecksverband und jeden Bullen – durchhalten, Sek SV!“, dazu ertönt wie oft zu Beginn der zweiten 45 Minuten „Für die Jungs die draußen steh’n!“.
Auf dem Rasen gehen die intensiven Zweikämpfe weiter, Bayern rennt mit viel Ballbesitz an, Schalke stemmt sich mit noch mehr Leidenschaft dagegen, ununterbrochen supportet mit „Geh‘n mit Dir auf jede Reise“. Kurucay wird frenetisch gefeiert, als er nach einem Lupfer von Luis Diaz ist nach Steckpass von Davies für Karius klärt (54.). Ihr seid nur ein…
Bayern rüstet weiter auf und bringt Musiala für Karl und Olise für Saibari (57.). Doch auch die volle Offensivkapelle des drölfzichfachen Meisters kann nicht verhindern, dass zunächst Sylla und Gosens nach vorne marschieren (58.). Danach erhöhen die Gäste zwar den Druck, aber die Jungs in Königsblau halten, lautstark angefeuert durch „Steht auf“ und „Immer wieder S 04“ erfolgreich dagegen.


Das Bollwerk hält
Muslic reagiert nun und lässt Ayhan und V. Becker für Ebimbe und Gosens ran (65.). Die Schalker Defensive rennt nach wie vor um ihr Leben und wenn doch einmal ein Ball an dem Bollwerk vorbeikommt, ist Karius zur Stelle und schnappt sich die Kugel (66.).
Die „Asozialen Schalker“ dürfen natürlich auch nicht fehlen. Olise und Diaz laufen sich fest (68.); Pavlovic sieht Gelb wegen eines Fouls gegen V. Becker (72.). Kurz darauf hindert Katic Davies mit einem kleinen Bodycheck am Einwurf und wird ebenfalls verwarnt (73.). Hey, hey, wer nicht hüpft…
Mit Wöber für Kurucay und Vozar für Ljubicic bringt Miron Muslic zwei Youngster ins Rennen. Die Nordkurve kritisiert derweil mit zwei Bannern „Vom Parkplatz bis zum Merchandise: Der Malocherclub nur noch für den großen Schein?!“ und „Topspielzuschläge abschaffen!“ die Preissteigerungen auf Schalke, ein unauflösbares Dilemma zwischen den Bedürfnissen der Fans und der nach wie vor angespannten finanziellen Lage des Vereins.






Schalke belohnt sich für den aufopferungsvollen Kampf
Bischof ersetzt Pavlovic, langsam ist den Bayernprofis anzusehen, dass sie mit so viel Widerstand nicht gerechnet hatten und einigermaßen genervt sind. Als fünften Wechsel kommt der wieder genesene Kapitän Karaman für Aouchiche (84.), die Nordkurve feiert die Leistung bereits mit einigen Bengalos, die zuverlässig und fruchtlos zu der Ermahnung „Bitte unterlasst das Abbrennen von Pyrotechnik“ führen.
In der 87. Minute stockt allen Schalkern noch einmal kurz der Atem, aber: Karius ist zur Stelle und pariert einen gefährlichen Fernschuss von Kane sicher über die Latte. In den restlichen Spielminuten einschließlich der dreiminütigen Nachspielzeit liegen die Nerven des Publikums blank, die Stimmung erreicht den Siedepunkt, aber die Schalker Abwehr lässt keinen entscheidenden Durchbruch mehr zu. Beim Abpfiff versinkt die Arena im Jubel, als hätte die Mannschaft gerade einen Titel gewonnen. Bayern-Coach Kompany stürmt als einer der ersten Gratulanten auf Matchwinner Karius zu.
Mehr als nur ein Punkt: Ein dickes Ausrufzeichen
Die Schalker Spieler wirken ein wenig so, als könnten sie ihre Leistung selber noch nicht ganz fassen, als sie sichtlich k. o. aber happy vor die Kurve treten, die bereits „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ skandiert und ihre Helden zur gemeinsamen Welle erwartet. FC S 04, hejo… Und „Wer nicht hüpft, der ist Borusse“ und einen Mythos vom Schalker Markt gibt es obendrauf. Schalke ist der geilste Club der Welt!
Die Mannschaft hat nicht nur einen wichtigen Punkt, sondern auch den Respekt der Liga – der FC Bayern blieb zum ersten Mal seit 59 (!) Pflichtspielen ohne Tor – errungen. Muslic sorgt dann noch in der Pressekonferenz für einen Lacher, als er auf die Frage, was er sich bei der personellen Aufrüstung der Bayern gedacht habe, trocken mit „Ich dachte: Ich bringe jetzt Luca Vozar!“ antwortet. Auch Vincent Kompany eiert nicht um den heißen Brei herum und gratuliert unumwunden zum verdienten Punktgewinn. So darf es gerne weitergehen!



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